Cannabis-Teille­ga­li­sierung: Risiken und Auswir­kungen auf die Bezirks­kli­niken im Blick

Dr. Florian Moser informiert im Bezirkstag über Risiken und Auswirkungen der Cannabis-Teillegalisierung auf die Bezirkskliniken
Über Risiken und Auswirkungen der Cannabis-Teillegalisierung auf die Bezirkskliniken berichtete Dr. Florian Moser (links) in der Sitzung des Bezirkstags.

Landshut. Sie war eines der großen Themen der Ampel-Koalition: die Teille­ga­li­sierung von Cannabis in Deutschland. Am 1. April 2024 trat das neue Gesetz in Kraft, das Besitz sowie den privaten und gemein­schaft­lichen Anbau von Cannabis für Volljährige unter bestimmten Bedin­gungen zulässt. Für Jugend­liche unter 18 ist Cannabis weiterhin verboten.

Zwei Jahre nach der Einführung ziehen Wissen­schaft und Politik ihre Zwischen­bi­lanzen. Das Forschungs­projekt „Evaluation des Konsum­can­na­bis­ge­setzes“ hat dafür die Auswir­kungen der Teille­ga­li­sierung auf den Kinder- und Jugend­schutz, den Gesund­heits­schutz sowie die canna­bis­be­zogene Krimi­na­lität unter­sucht. Das Ergebnis des zweiten Zwischen­be­richts fällt diffe­ren­ziert aus. Die im Vorfeld häufig geäußerten Befürch­tungen, dass es durch die Teille­ga­li­sierung zu einem Anstieg des Konsums kommen könnte, haben sich aufgrund der bisher vorlie­genden Daten nicht bestätigt. Kritisch sehen die Forscher u.a., dass für thera­peu­tische Zwecke zu oft Medizi­nal­can­nabis mit zu hohem Wirkstoff­gehalt verschrieben werde. Was in der Studie ebenfalls angemerkt wird: Mit bis zu 200 Tonnen verfüg­barem Medizi­nal­can­nabis im Jahr 2025 habe sich in Deutschland der größte legal-kommer­zielle Canna­bis­markt Europas heraus­ge­bildet. In keinem anderen europäi­schen Land werden größere Mengen Cannabis über legale Vertriebswege umgesetzt. Die Politik hat reagiert, strengere gesetz­liche Regeln für den Zugang zu medizi­ni­schem Cannabis wurden auf den Weg gebracht. Doch die Kritik reißt nicht ab.

Nach wie vor Kritik an Teille­ga­li­sierung

Auch der Bezirk Nieder­bayern und seine Kliniken haben die Thematik mit wachsamen Auge im Blick. Auf einen Antrag der CSU-Fraktion hin hat sich der Bezirkstag in seiner Sitzung vom 15. April mit der Frage befasst, inwiefern es Risiken der Cannabis-Legali­sierung und welche Auswir­kungen es auf die Bezirks­kli­niken in Nieder­bayern gibt. Dabei standen insbe­sondere die Gesund­heits­ri­siken für Kinder und Jugend­liche im Fokus. Ergänzt wurde dies um einen Antrag der SPD, inwieweit Medien­konsum – insbe­sondere die Nutzung sozialer Netzwerke – als Belas­tungs­faktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugend­lichen in der klini­schen Praxis eine Rolle spielt.

Erste Erkennt­nisse aus der Praxis am Bezirks­kran­kenhaus Landshut lieferte Dr. Florian Moser, thera­peu­ti­scher Leiter der jugend­psych­ia­tri­schen Inten­siv­station. Was bislang am Bezirks­kran­kenhaus bei statio­nären Behand­lungen zu beobachten ist: Von 2018 bis 2025 ist ein Anstieg der Belegung um 128 Prozent zu sehen – bei leicht abneh­mendem Trend der Sucht­be­hand­lungen. Bezüglich canna­bis­be­zo­gener oder psycho­ti­scher Störungen ist dagegen kein signi­fi­kanter Anstieg zu erkennen. Im Vergleich zu allen Sucht­dia­gnosen ist Cannabis häufiger vertreten. Seit 2021 ist eine Steigerung um 134 Prozent zu verzeichnen. „Die Aussa­ge­kraft dieser Ergeb­nisse ist aufgrund geringer Fallzahlen aber begrenzt“, so Dr. Moser. „Es sind weitere Evalua­tionen notwendig.“

Signi­fikant sind die canna­bis­be­zo­genen Diagnosen dagegen in der ambulanten Behandlung am Bezirks­kran­kenhaus Landshut angestiegen, so der Sucht­the­rapeut. „Dabei leicht bei Patienten unter 15 Jahren.“ Jedoch sei über alle Stoff­klassen hinweg ein Anstieg der Diagnosen seit 2020 zu erkennen –. ab dem Jahr, in dem auch die Sucht­am­bulanz am Bezirks­kran­kenhaus gegründet worden war. Daher gab Dr. Moser zu bedenken: „Gibt es mehr Konsu­mie­rende oder erreichen wir sie mit der Sucht­am­bulanz einfach besser?“

Verläss­liche Daten in fünf bis zehn Jahren zu erwarten

Zusam­men­ge­fasst betonte Dr. Moser: „Zur Bewertung der Auswir­kungen der Canna­bis­le­ga­li­sierung braucht es weitere empirische Studien. Man geht davon aus, dass es fünf bis zehn Jahre dauert, bis verläss­liche Daten vorliegen.“ Ähnlich sieht er es in Bezug auf die Frage, inwieweit Medien­konsum als Belas­tungs­faktor für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugend­lichen in der klini­schen Praxis eine Rolle spielt. „Die Forschung gibt es her, dass wir uns damit beschäf­tigen“, sagte Dr. Moser. Es sei eine wichtige Thematik und müsse weiter beleuchtet werden. Aktuelle geschehe dies insbe­sondere überre­gional in Spezi­al­am­bu­lanzen – beispiels­weise in Hamburg.

„Auch, wenn es noch Jahre dauern wird, bis zur Thematik verläss­liche Daten vorliegen: Wir sind stets in engem Austausch mit den Experten in unseren Bezirks­kran­ken­häusern, um mögliche Trends und Entwick­lungen in Nieder­bayern recht­zeitig zu erkennen – zum Schutz unserer Kinder und Jugend­lichen“, sagt Bezirks­tags­prä­sident Dr. Olaf Heinrich.