Prävention, Personal und Ambulan­ti­sierung als Schlüssel

Teilnehmende des KJP-Symposiums diskutieren gemeinsam über aktuelle Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe im Bezirkskrankenhaus Landshut
Diskutierten über Herausforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe (v.l.): Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich, Prof. Dr. Jens Pothmann, Dr. Tanja Hochegger, Eva Siebel, Dr. Marcel Romanos, PD Dr. Katharina Bühren und Moderator Prof. Dr. Hermann Spießl. Foto: Bezirk Niederbayern, Korbinian Huber

„Versorgung, Prävention, Perspek­tiven“ – unter diesem Titel stand das Symposium der Kinder- und Jugend­psych­iatrie vor kurzem am Bezirks­kli­nikum in Mainkofen. Damit hat der Bezirk Nieder­bayern auf die drastisch gestie­genen Fallzahlen von psychisch belas­teten Kindern und Jugend­lichen reagiert, die psych­ia­trisch und psycho­the­ra­peu­tisch versorgt werden müssen. Die hochka­rä­tigen Referenten hatte Dr. Tanja Hochegger, stell­ver­tre­tende Ärztliche Direk­torin und Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugend­psych­iatrie, Psycho­the­rapie und Psycho­so­matik am Bezirks­kran­kenhaus Landshut, einge­laden. Der Bezirk hatte mit dem Thema einen Nerv getroffen: Der Besucher­an­drang und der Wissens­durst waren groß. Mit dabei waren auch Vertreter von Polizei, Famili­en­ge­richten und koope­rie­renden Einrich­tungen.

Der Bezirk Nieder­bayern hat sich in den vergan­genen Jahren bereits auf den Weg gemacht, sich intensiv mit dem Thema ausein­an­der­zu­setzen. Gleich­zeitig waren in ihrem Haus umfang­reiche struk­tu­relle Verän­de­rungen nötig, die oberste Priorität hatten, verdeut­lichte Dr. Tanja Hochegger. Als sie 2020 das Ruder der Klinik übernahm, war diese zuvor ins Kreuz­feuer der Kritik geraten: Eine ungewöhnlich hohe Zahl von freiheits­ent­zie­henden Maßnahmen von minder­jäh­rigen Patienten machten Negativ­schlag­zeilen. „Wir hatten einen Reform­auftrag“, blickte Dr. Hochegger zurück und gab einen Einblick, was sie mit ihrem Team verändert hat.

Oberste Priorität ist es, den Akutbe­reich der Klinik so definiert und spezia­li­siert wie möglich zu halten. Der Patien­ten­fluss wurde optimiert. In mehreren Schritten wurde erreicht, dass die Aufnahme von Patienten grund­sätzlich durch alle Stationen möglich ist. Die Akutstation wurde in zwei Bereiche aufge­teilt – in einen kleineren geschützt geführten Bereich und eine offene Krisen­station für Jugend­liche sowie Plätze für die Jüngeren auf einer fakul­tativ geschützt geführten Kinder­station. Zudem habe man sich so aufge­stellt, dass auch eine Akutauf­nahme der Jüngsten unter Einbe­ziehung des Umfeldes ad hoc tages­kli­nisch erfolgen kann. Warum dies fünf Jahre dauerte, beant­wortete Hochegger gleich selbst: „Uns haben die Aufnah­me­zahlen erschlagen.“ Die Aufnahmen im Notdienst hätten sich nahezu verdoppelt. Sie äußerte gleich­zeitig aber auch Verständnis für die Polizei, sich bei fehlenden alter­na­tiven Struk­turen im Notfall als Erstes an ihre Klinik zu wenden. Weitere Maßnahmen wie definierte Standards und externe Fortbil­dungen hätten dazu geführt, dass die Fixie­rungen mittler­weile um 70 Prozent zurück­ge­gangen sind. Dennoch bleibt nach ihren Worten die Situation heraus­for­dernd, da es immer mehr Fälle und nur beschränkte Kapazi­täten gibt.

Bezirks­tags­prä­sident Dr. Olaf Heinrich bekräf­tigte die angespannte Situation. Es sei ein Thema, das unter den Nägeln brenne – das zeige auch der gute Besuch der Veran­staltung. Die sozialen Kontakt­be­schrän­kungen der Corona-Pandemie hätten wie ein Kataly­sator gewirkt. „Aber auch jetzt kann man nicht sagen, dass sich die Zahlen auf einem normalen Niveau einge­pendelt haben.“ Zudem gebe es viele weitere Faktoren, die für Beunru­higung sorgen – zum Beispiel den Ukraine-Krieg. Und auch im schuli­schen Bereich wachsen der Druck und die Anfor­de­rungen an junge Menschen. Achtzig Prozent aller Aufnahmen kommen als Notfälle, bilan­zierte der Bezirks­tags­prä­sident. Die vollsta­tio­nären Aufnahmen seien um 86 Prozent gestiegen. Dabei sei die Perso­nal­si­tuation enorm angespannt und es sei eine große Heraus­for­derung, die Stellen adäquat zu besetzen.

Auch Privat­do­zentin Dr. Katharina Bühren, Ärztliche Direk­torin kbo-Heckscher Klinikum, unter­strich, dass die Corona-Zeit psychische Probleme bei Kindern und Jugend­lichen verstärkt hat. Sie hatte aktuelle Zahlen parat: 60 Prozent aller jungen Menschen geben an, schon einmal unter einer psychi­schen Belastung gelitten zu haben. Ein Brennglas sei aber nicht nur die Pandemie gewesen, sondern auch der Anstieg der Nutzung von sozialen Medien: „Patho­lo­gi­scher Medien­konsum kann eine Depression nach sich ziehen.“ Stationäre Behand­lungen hätten enorm zugenommen. Auch Bühren bekräf­tigte, dass ein hoher Prozentsatz notfall­mäßig aufge­nommen werden muss: „Dabei legen wir die Latte sehr hoch.“ In den Ferien gebe es weniger Notfälle als in der Schulzeit. Die Verweil­dauer gehe nach unten, ganz einfach, um die vielen Fälle zu bewäl­tigen. Die Ärztliche Direk­torin sprach sich klar für eine Ambulan­ti­sierung als Lösungs­mög­lichkeit aus, wenn denn die Struk­turen ausrei­chend ausgebaut sind. Zudem brauche es innovative Behand­lungs­kon­zepte, PPP-RL-Sanktionen (PPP-RL: Perso­nal­aus­stattung Psych­iatrie und Psycho­so­matik-Richt­linie) müssen überdacht und die Versor­gungs­kon­zepte sektoren­über­greifend ausgebaut werden.

Eine Lanze für die Prävention brach Prof. Dr. Marcel Romanos, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugend­psych­iatrie, Psycho­so­matik und Psycho­the­rapie an der Univer­sität Würzburg. Eine effektive Versorgung sei die beste Prävention, machte er klar. Es gelte, die Resilienz der Kinder zu fördern: „Wir machen sie stark.“ Romanos stellte unter­schied­liche Konzepte zur Prävention vor. Er erklärte: „Wir wollen Emotionen nicht verhindern, wir wollen wie ein Surfer auf der Welle reiten und nicht überspült werden.“

Prof. Dr. Jens Pothmann, Leiter der Abteilung Jugend und Jugend­hilfe am Deutschen Jugend­in­stitut e. V. (DJI), gab einen Überblick über die Zahlen zur Heimerziehung. Dabei kommen die meisten der insgesamt rund 128.000 betreuten Kinder aus prekärem Umfeld. Kinder- und Jugend­hilfe sei ein Feld, das effektiv unter­stützt werde. So würden hierfür 2023 rund 72 Milli­arden Euro inves­tiert. Pro Fall steigen die Ausgaben konti­nu­ierlich an. Auch Pothmann nannte den Fachkräf­te­mangel als großes Problem. Viele Kräfte gehen seinen Worten nach zudem bald in Rente.

In der Kinder- und Jugend­psych­iatrie in Landshut ist die Fachkräf­te­wei­ter­bildung ein wichtiges Argument, um die pflege­ri­schen und pädago­gi­schen Mitar­beiter für die steigenden Heraus­for­de­rungen zu quali­fi­zieren. Wie diese geplante Ausbildung aussieht, stellte stell­ver­tre­tende Pflege­di­rek­torin der Kinder- und Jugend­psych­iatrie Eva Siebel vor. Viele Beschäf­tigte hätten in ihrer Pflege­aus­bildung wenig Berührung mit der Kinder- und Jugend­psych­iatrie, erklärte sie. Es brauche aber Kennt­nisse, um mit extremen Situa­tionen umzugehen. Deshalb wurde ein Basis-Grundkurs von 88 Einheiten mit Inhalten wie Grund­lagen von Recht, Ethik und Kommu­ni­kation entwi­ckelt. Dazu gibt es Vertie­fungs­module, zerti­fi­ziert von der BAG Pflege.

In einer Podiums­dis­kussion, die Prof. Dr. Hermann Spießl, Ärztlicher Direktor am Bezirks­kran­kenhaus Landshut, moderierte, äußerte Prof. Dr. Pothmann den Wunsch, dass sich die sozial­po­li­tische Lage von Familien in den nächsten fünf Jahren verbessert: „Das würde das System entlasten.“ Prof. Dr. Romanos erklärte, ohne die Ausweitung von Prävention in der Fläche seien die Probleme nicht zu bewäl­tigen. Dabei sei der Ausbau der ambulanten Versorgung unver­zichtbar, um die Kliniken zu entlasten.